Donnerstag, 8. April 2010

Strudelwurm gegen Schweinehund

Sie kennen das bestimmt, oder?  Ich kenne es jedenfalls:  Es wäre sooo vernünftig,  in den Apfel zu beißen (der gar nicht so sauer sein muss). Und auf die Praline zu verzichten. Oder endlich Aufgabe xy zu erledigen, statt im Internet zu surfen oder herum zu zappen.

Und statt dessen? Übernimmt der Autopilot und schon ist es um die guten Vorsätze geschehen.

Was passiert da eigentlich? Und wie damit umgehen?

In ihrem kleinen Büchlein "Machen Sie doch, was Sie wollen" (Hans Huber-Verlag, 2010) stellt die Psychoanalytikerin Maja Storch ein liebenswürdiges, aber manchmal etwas schwer-von-kapito "Würmli" dem schrecklichen inneren Schweinehund entgegen (den es nicht gibt, meint sie - und ich schließe mich aus vollstem Herzen an).

Denn "das Würmli" meint es eigentlich gut mit uns. Es handelt sich dabei übrigens um eine Abkürzung für "Strudelwurm". Diese Bezeichung hat Maja Storch für ein entwicklungsgeschichtlich uraltes, aber durchaus sinnvolles Gehirnareal eingeführt, das ganz schlicht - und ganz schnell - reagiert und alte Erfahrungen fest abgespeichert hat.

Gut/schlecht, Belohnung/Bestrafung, das sind die Kategorien, auf die das "Würmli" blitzschnell reagiert, schneller als man denken kann. Und schaltet damit zuweilen unser "bewußtes" oder vernünftiges Denken aus. Immer dann, wenn es Widersprüche gibt.

Dabei ist "das Würmli" wie gesagt nicht dumm oder faul. Sondern stellt uns alte Erfahrungen und Überlebensstrategien jederzeit mit den besten Absichten zur Verfügung.

"Nix wie weg", kann z.B. so eine alte, tief verwurzelte Strategie sein, wenn es darum geht, seine Leistungen zu zeigen (und sich womöglich zu blamieren - wie damals in der 3. Klasse an der Tafel...). Das kann der Grund dafür sein, wichtige Aufgaben immer wieder vor sich herzuschieben. Sich nicht weg zu bewerben, obwohl es doch wirklich so gut wäre, eine andere Stelle mit passenderen Aufgabe zu finden.

Die Kunst ist es nun, unsere Vernunft, unser Bewußtsein so einzusetzen, dass "das Würmli" mitzieht. Manchmal, so meint Frau Storch, muss und darf man es auch zwingen, sich zusammen reißen, "das Würmli an die Kette nehmen". Aber allzu oft sollte man es nicht tun. Schlecht für die Lebensqualität. Und es funktioniert auf Dauer auch nicht. Klüger ist es da schon, die Beweggründe zu verstehen und Alternativen zu finden, quasi mit dem "Würmli" zu verhandeln.

Maja Storch stellt richtig gehend liebevolle Methoden und Wege vor, wie wir mit diesem oft gescholtenen Teil von uns gut und sinnvoll umgehen können. Lesenswert.


Foto: © negrobike - Fotolia.com

Dienstag, 23. März 2010

Equal Pay Day

Am 26. März 2010 haben die deutschen Frauen im Durchschnitt so viel verdient, wie die deutschen Männer am 31.12.2009.

Unglaublich, aber wahr.

Der sogenannte "Gender Gap" beläuft sich in Deutschland - einem der Schlusslichter in Europa - auf 23%. Also knapp ein Viertel weniger verdienen hier die Frauen als die Männer im Durchschnitt (sagt das statistische Bundesamt, also nicht irgendein feminsitisch-tendenziöser Verein). Und klar, es gibt genügend Stimmen, die sagen, die Frauen seien selbst schuld. Verkaufen sich schlecht. Aber wie kann das stimmen, wenn es so viele von uns in diesem Ausmaß betrifft? Und offensichtlich in anderen Ländern deutlich anders aussieht? Dort werden Frauen sich auch nicht komplett anders verhalten, als hierzulande, vermute ich mal. Obwohl - vielleicht läßt es Frauen schon selbstbewußter auftreten, wenn der Wert ihrer Arbeit in einer Gesellschaft anerkannt wird.

Um gegen die Ungleichheit und Ungerechtigkeit des Gehaltsunterschieds zu protestieren und vorzugehen, wurde ein nationales Aktionsbündnis, "Equal Pay Day", gegründet. Am 26. März sind viele konkrete Aktionen geplant, die auf der Website des Bündnisses nachzulesen sind.

Symbolisch für das Bündnis sind übrigens rote Taschen - wer am Freitag zeigen will, dass er/sie zumindest in Gedanken mitmacht, kann dies also mit einem roten Täschchen tun.

Foto:© Fantasista - Fotolia.com

Freitag, 26. Februar 2010

Das Rhinozeros von Belém

Spaß am kreativen Unsinn, unbändige Freude beim Gestalten und Tun? Unabhängig von einem fiesen, lähmenden Perfektionsanspruch. Genial! Und durchaus inspirierend über das entsprechende Projekt hinaus.

Das war meine Erfahrung und die meiner Co-AutorInnen bei dem Internet-Projekt "Das Rhinozeros von Belém", das ich 2004 mit Hilfe meiner Webmasterin (und Mitaurorin) Birthe Stuijts gestartet hatte. Auf einer extra von ihr dafür programmierten Website (existiert nicht mehr) hatte ich den Beginn einer Geschichte veröffentlicht.
Ich war damals von einer Portugal-Reise zurück gekehrt und hatte im Reiseführer von einem Rhinozeros gelesen, das im 17. Jahrhundert als exotisches Ausstellungsstück im Lissabonner Vorort Belém gefangen gehalten wurde. Dieses Kuriosum war mir gerade präsent, als ich ein paar Zeilen zusammen schrieb, die genügend Raum für Fantasie lassen sollten. Denn die Idee war, dass jedeR, der/die Lust hatte, das nächste Kapitel schreiben konnte. Das dann wiederum auf der Website veröffentlicht wurde und vom nächsten, der/die wollte, fortgeführt werden konnte. Es war wie ein Staffellauf.

Eine der wenigen Forderungen an "neue" Autoren war, dass sie sich in die bestehende Geschichte einklinken - also nicht etwas schreiben, das sich nicht auf die vorherigen Kapitel bezieht.

Das Projekt lief über zwei Jahre lang. Und jedes Mal, wenn ein neues Kapitel erschien, war das ein Highlight. Wurde von allen bisherigen AutorInnen und sonstigen InteressentInnen mit großer Spannung, großem Interesse und natürlich mit einem riesigen Spaß gelesen und verdaut. Denn es musste oft wirklich regelrecht erst verarbeitet werden, wenn ein Handlungsstrang ganz anders weiter ging, als von der ursprungsautorin gedacht. Und dann ratterten die Köpfe weiter. In alle Richtungen. Die Handlung wurde zum Teil ziemlich abstrus, dann wieder trashig, dann wieder witzig. Einfach klasse, wie ich finde.

Irgendwann wurde es dann aber schwierig. Zuviele Handlungsstränge und Personen, die berücksichtigt werden mussten. Das ging nicht mehr "einfach so". Einige Kapitel brauchten ziemlich lange, um geschrieben zu werden, kosteten richtig Mühe. Schließlich schien das gesamte Projekt gestoppt. Viele Monate passierte gar nichts mehr. Bis dann eine meiner Co-Autorinnen, die Künstlerin Sanvja Bühler und ich uns an einem langen Samstag zusammen setzten und brainstormten. Das war Kreativität pur! Und Spaß pur! Schließlich hatten wir einen Handlungsfaden für die letzten paar Kapitel kreiert und sie zum Schreiben zwischen uns aufgeteilt. Und dann war die Geschichte zu Ende.

Das war toll. Aber auch richtig traurig - das "Rhino", wie manche von uns es inzwischen nannten, hatte uns nun doch schon lange begleitet und immer einmal wieder für ein Lachen im Alltag gesorgt. Deshalb habe ich beschlossen, es drucken zu lassen - damit es nicht ganz im WWW versinkt.

Über BoD gibt es eine super Möglichkeit, recht günstig professionell aussehende Bücher in Auftrag zu geben - gedruckt werden sie nur, wenn sie bestellt werden. Und das ist jederzeit z.B. über amazon oder auch einen lokalen Buchhändler möglich (wobei sich letzteres zuweilen als schwierig heraus gestellt hat). Allerdings ist auch das nicht ohne Tücken. So brauchte es zwei Auflagen des "Rhino", um eine zufriedenstellende Version zu errreichen. Nach der ersten, frustrierenden Ausgabe (viel zu kleine Schrift!) dauerte es wieder eine Weile, bis ich mich dann erst kürzlich an die Überarbeitung setzte und nun eine 2. Auflage vermelden kann.

Pro verkauftem Buch werde ich daran 1,- € verdienen (alles andere behält BoD). Da ich dieses Geld nicht für mich behalten möchte und ich nicht mehr alle Autoren erreiche, um es zu verteilen (ich gehe mal davon aus, dass das "Rhino" kein Bestseller wird, aber trotzdem...), will ich den Gewinn meiner Freundin, Kollegin und Mitautorin Elsa Timm spenden, die mit ihren großartigen Projekten in Brasilien schon viele Leben zum besseren verändert hat. Das Buch spielt übrigens auch zu größeren Teilen in Brasilien, was natürlich durch sie in die Handlung eingebracht wurde.

Das Rhinozeros von Bélem ist also bei amazon erhältlich. Erwarten Sie keinen Nobelpreis verdächtigen Roman, sondern eine überraschende Geschichte mit vielen Wendungen. Und lassen Sie sich anregen, Ihre Kreativität sprudeln zu lassen und vielleicht selbst ein Projekt ons Leben zu rufen.

Übrigens: Kaufen Sie die billigere 2nd Hand Version (wird bei amazon unkommentiert angeboten) nur, wenn Sie gute Augen haben! Die 2. Auflage für 12,90€ ist aber sehr gut lesbar.

Sonntag, 24. Januar 2010

Wir lernen, so lange wir leben

In den letzten Jahren gab es eine regelrechte Inflation von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Durch bildgebende Verfahren (also z.B. Computertomographie des Gehirns) konnten Dinge nachgewiesen werden, die zuvor ins Reich der Spinnerei verwiesen worden wären (oder sind).

In meinem Studium (das ich 1990 abschloss) habe ich gelernt, dass die Fähigkeit zu lernen, also die Möglichkeit der Veränderung des Gehirns ab etwa dem 30. Lebensjahr rapide abnimmt. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Beängstigend. Aber einleuchtend. Wer kennt sie nicht, diese eingerosteten Typen, die alles so machen, wie sie es schon immer machen, einfach weil sie es schon immer so machen. Andererseits. Gab es nicht genau solche Typen in meinem Semester? Die genau so alt waren wie ich? Und was war mit meinem Onkel Hermann, der mit 35 sein bisheriges Leben auflöste, um in Südamerika noch einmal neu zu starten?

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Neurowissenschaften haben in den letzten 20 - 30 Jahren alles durcheinander gewirbelt, was man als gegeben sah. Life long learning, heisst jetzt das Schlagwort. Bis ins hohe Alter kann jeder von und lernen und sich weiter entwickeln, wenn wir nur innerlich beweglich bleiben und dafür sorgen, dass unsere Hirnstrukturen lebendig bleiben und nicht abbauen (durch denken und lernen!).

Nun lese ich in einer aktuellen Ausgabe des Psychotherapeutenjournals einen sehr spannenden Artikel (Manfred E. Beutel: "Vom Nutzen der bisherigen neurobiologischen Forschung für die Praxis der Psychotherapie"), in dem Forschungsergebnisse zusammengetragen werden, die für die Psychotherapie spannend sind. Sehr spannend!

Das Thema ist recht kompliziert und ausufernd, deshalb rate ich jedem und jeder, die sich dafür interessiert, Fachartikel darüber zu lesen. Hier möchte ich nur zwei der für mich spannendsten Ergebnisse (deren Hintergründe z.B. in dem genannten Artikel nachgelsen werden können) benennen:

Frühkindliche Traumata, frühe Trennungen, frühe Vernachlässigung etc.führt über Veränderungsprozesse im Gehirn zu einer lebenslangen höheren Anfälligkeit für Stress und einem erhöhten Risiko für psychosomatische Erkrankungen.

Dies weiß man übrigens schon seit den 70er Jahren, aber 2007 konnte zusätzlich gezeigt werden, dass dies sogar das mütterliche Verhalten der Betroffenen der kommenden Generation gegenüber und darüber deren Gehirnentwicklung beeinflussen kann - schlimme Erfahrungen werden also sozusagen vererbt.

Sehr spannend finde ich auch, dass in mehreren Studien gezeigt werden konnte, wie durch Psychotherapie (übrigens verschiedener Fachrichtungen) Gehirnaktivitäten z.T. dauerhaft verändert wurden. So konnte man z.B. bei Sozialphobikern und Depressiven nach einer erfolgreichen Psychotherapie ähnliche Veränderungen in mehreren Gehirnarealen feststellen, wie nach einer Behandlung mit Medikamenten.

Meine Quintessenz: Wenn's in eine Richtung funktioniert, funktioniert's auch in die andere. Vielleicht haben wir schlimme Dinge erlebt, die sich in uns festgekrallt haben. Aber wenn wir an uns arbeiten, uns hinterfragen, überkommene Muster bearbeiten - dann wird auch das wieder Spuren und bleibende Veränderungen hinterlassen und das Leben verändern, das wir führen (können).

Es ist nicht immer einfach. Aber es lohnt sich!

Foto:© James Thew - Fotolia.com

Freitag, 11. Dezember 2009

Gedanken zum Jahresende/Jahresbeginn


Geht es Ihnen auch so? Das nahende Jahresende ist überladen von Pflichten (Geschenke kaufen! Weihnachtsmenü überlegen!) und Stress (auf jeden Fall noch xy fertig kriegen. Und den Steuerberater anrufen! Und...).

Andererseits lädt der Dezember zu Rückblick und Vorausblick ein. Mich jedenfalls.

Vielleicht liegt es am Wetter oder der Dunkelheit. Oder eben doch daran, dass diese Zeiteinheit "ein Jahr" mal wieder dem Ende entgegen geht.

Irgendwo habe ich gelesen, dass man das Jahr mit einem Ritual ganz bewußt als komplett gelebt verabschieden solle, um das neue Jahr ohne Altlasten begrüßen zu können. Die Idee, ein Jahr als "komplett" zu erklären, gefällt mir. Auch wenn es natürlich immer so eine Sache ist, etwas (ein ganzes Jahr!) per Beschluss zu den Akten zu legen - andererseits, warum nicht? Besser als ewig mit Vergangenem zu hadern, scheint mir.

Ein Ritual, das ich seit vielen Jahren pflege ist, mich irgendwann zwischen den Jahren (ein wunderbarer Ausdruck, wie ich finde) mit allen Fotos zurückzuziehen, die ich im Laufe des Jahres gemacht habe. Und dann mache ich ein "best of"-Album. Was waren die schönsten, die wichtigsten, die berührensten Momente des Jahres? Welche Bilder müssen unbedingt ins Album, auch wenn deren fotografische Qualität nur mittelmäßig ist? Welche können draußen bleiben?

Inzwischen habe ich mehr als 10 solcher "Jahresalben". Manchmal blättere ich sie durch und bin ganz verblüfft, was sich z.B. 2005 alles in meinem Leben abgespielt hat. Man vergißt so viel (ich jedenfalls)! Alleine deshalb lohnt es sich, ab und zu inne zu halten und zu domumentieren.

Reicht mein Foto-Ritual aus, um das alte Jahr als "komplett gelebt" zu deklarieren?

Ich habe mir vorgenommen, mich zur Ergänzung nach dem Foto-Ritual noch mit einigen Fragen zu beschäftigen (schriftlich! Und das Ergebnis lege ich ins Fotoalbum. Damit ich in ein paar Jahren wieder erinnere, was mich 2009 beschäftigt hat):

- welche Veränderungen und Herausforderungen gab es 2009?
- was war nicht so schön, was war enttäuschend, was sollte im alten Jahr bleiben (wie kann ich das sicher stellen?)?

Und dann die große Frage: Was soll 2010 sein? Die üblichen Neujahrsvorsätze taugen nicht, das wissen wir alle.

Aber wie wäre es, sich ein Motto, ein Thema für das Jahr zu überlegen?
Im Blog einer amerikanischen Kollegin (Christine Kane) gibt es derzeit eine Serie zum "Wort des Jahres". Menschen, die sich ein Wort ausgesucht haben, das für 2009 eine Art Mantra sein sollte, schreiben darüber. Es klingt interessant. Das will ich einmal ausprobieren.

Was könnte das Wort Ihres 2010 sein?

Vorschläge von Christine Kanes Blog sind:
- Leuchten
- Mut
- Hoffnung
- Gesundheit

Ich muss noch ein wenig überlegen, unter welches Motto ich mein persönliches 2010 stellen will.

Was sind Ihre Rituale? Wie schließen Sie 2009 ab und bereiten sich auf 2010 vor?

Ich freue mich über jeden Kommentar.

Freitag, 2. Oktober 2009

Mission beendet

Heute Abend fahre ich weiter zu einer Freundin nach Porto Alegre (die Landeshauptstadt, hier ist auch der Flughafen), mein "Job" mit den Projekten ist soweit beendet. Ich habe hier schon darueber berichtet, dass alles besser lief, als erhofft.

Nun steht es an, abzuwarten und zu schauen, ob Ivan Scherdien, der Buergermeister von Turuçu, zu seinen Versprechen steht. Muss nicht sein, da habe ich schon manches erlebt. Aber nachdem das Gespraech mehrere Zeugen hatte und es auch um kuenftige Projekte geht, bin ich tatsaechlich optimistisch. Ich werde bei Gelegenheit berichten.

Gestern habe ich den Tag dann noch genutzt, um mit Elsa aufs Land zu fahren (hier ist eigentlich schon "auf dem Land", aber wir fuhren noch mehr ins Landesinnere - da wo man eine Stunde Auto faehrt, um 30km matschige Schlammpisten zu bewaeltigen...). Hier vesucht Guenter, Elsas Sohn, ein Oeko-Reservat aufzubauen.



Guenter ist einer dieser Menschen, die ich bewundere, weil er schon immer weiss, was er will. Naemlich den brasilianischen Urwald retten und einheimische Pflanzen vor dem Aussterben zu bewahren. Tiere auch, aber sein Herz haengt an den Pflanzen. Da er kein Geld hat (Geld verdienen ist das Letzte, was auf seiner Liste steht...) versucht er seine Grossmutter zu ueberreden, ihm ihr Land zu ueberlassen. Dona Hilda, die Grossmutter, hat einen grossen Hof, den sie alleine nicht mehr bewirtschaften kann. Aber Guenters Oeko-Ideen sind ihr suspekt. Also "erarbeitet" sich Guenter Stueck fuer Stueck das Land, indem er ungenutzte Ecken "umwidmet".



Seit langem hat er ausserdem eine oertliche Schule davon ueberzeugt, ihn als "Oekologie-Lehrer" einzustellen. Mit den Kindern geht er regelmaessig in die Natur, bringt ihnen bei, weche Pflanzen es gibt (das weiss aussser Guenter hier niemand), wofuer die Pflanzen zu nutzen sind etc. Nachdem es im Januar eine Flutkatastrophe gegeben hatte, hat er mit den Kindern Setzlinge ausgepflanzt, um die Umgebung der Fluesse vor dem Versanden zu schuetzen.

Derzeit hat er ein Stipendium fuer seine Masterarbeit, die daraus besteht, einheimische Urwaldfruechte zu kultivieren. Die Bauern sollen weg davon kommen, Monokulturen anzulegen und erkennen, welche Moeglichkeiten die einheimische Kultur bietet.

Es ist wirklich verrueckt. Brasilien ist so unendlich reich an Natur, und die wenigsten Menschen kennen sich damit aus. Allerdings ist in den letzten Jahren auch hier ein immer groesseres oekologisches Bewusstsein gewachsen, so dass eine gewisse Chance besteht. Aber dann ist hier auch soviel Armut. Und wenn man arm ist, ist einem der Urwald egal.

Umso wichtiger, das Guenter Moeglichkeiten entwickelt, wie man durch oekologische und nachhaltige Landwirtschaft Geld verdienen kann. Sieht nach einem langen Weg aus. Aber das ist Guenter egal. Naechstes Mal, wenn ich da bin, will er seiner Oma noch ein bisschen mehr Land fuer seine Projekte abgeluchst haben.

Dienstag, 22. September 2009

Die Macht von Einzelnen

Derzeit bin ich dabei, mich auf eine besondere Reise vorzubereiten: Am Freitag, den 25.September werde ich nach Süd-Brasilien reisen, genauer: Nach Turucu. Ich habe schon früher und an anderen Stellen über mein Engagement für Kinder und Jugendliche aus den ärmsten Familien dort berichtet (z.B. hier und hier). Wobei mein Engagement sich meist auf eine Begleitung aus der Ferne beschränkt.

Meine Freundin und Kollegin Elsa Timm ist diejenige, die in den letzten zehn Jahren in dieser kleinen Stadt Turucu mit ihrem Engagement und ihrer Kompetenz wirklich Erstaunliches bewirkt hat. So verhungert z.B. kein Kind mehr - keine Selbstverständlichkeit in Turucu. Jugendliche haben die Chance auf eine Ausbildung. Es gibt eine Baumschule, die einheimische Bäume anpflanzt, um den Urwald zu schützen. Und vieles mehr. Das alles war am Anfang ganz, ganz anders.


Viele Familien lebten und leben in solchen Hütten - zugig und undicht und voller Ungeziefer. Kein guter Ort zum Leben. Nicht für Erwachsene, aber erst recht nicht für Kinder.

Elsa wurde dabei von der langjährigen Bürgermeisterin Selmira (in Brasilien benutzt man nur die Vornamen) unterstützt. Selmira hat ihr ermöglicht, immer mehr Projekte ins Leben zu rufen, in dem sie das Personal dafür zur Verfügung gestellt und auch sonst sehr unterstützend war.

So gab es im Laufe der Zeit ein ganzes Team an Sozialarbeitern, Erziehern etc., die sich ebenfalls engagiert und kompetent und die Belange der Ärmsten gekümmert haben.


Elsa Timm (mitte), ihre frühere Stellvertreterin (links) und ihr früherer Sozialarbeiter (rechts)

Die anderen Mitarbeiter kenne ich nicht so gut, aber von Elsa weiß ich, dass ihr Engagement manchmal über ihre Kräfte geht, sie sich aber nie schont und erst recht nie beschwert. Im Gegenteil. Sie ist dankbar dafür, helfen zu können und gibt oft noch einiges von ihren bescheidenen Einkünften ab, damit eine Familie etwas zu essen bekommt.

Finanziert wurden alle Projekte über Spendengelder, die vom Verein Hilfe zur Selbsthilfe ehrenamtlich verwaltet und immer wieder großzügig ergänzt wurden. Außerdem prüft dieser Verein mit strengen Rahmenbedingungen, ob das Projekt noch den eigenen Kriterien entspricht (z.B. darf keinerlei Geld in Verwaltung fließen, alles muss den Kindern und Jugendlichen zu Gute kommen).

Das ist eine Kinder-Gruppe im "Kinderhaus", das komplett mit Spendengeldern aus Deutschland gebaut und ausgestattet wurden. Seit es existiert, können Kinder mittelloser Eltern hier tagsüber untergebracht werden. Sie bekommen regelmäßige Mahlzeiten, werden regelmäßig Ärzten zur Vorsorge vorgestellt und werden pädagogisch betreut. Die gesamte personelle Ausstattung wird von der Stadt Turucu übernommen. Im Kinderhaus können bis zu acht Kinder auch für längere Zeit leben, wenn sie z.B. kein Zuhause haben, von Eltern mißhandelt werden etc. Das Kinderhaus ist auch ein Segen für die Eltern, die oft selbst noch Jugendliche sind und durch die Betreuung ihrer Kinder die Möglichkeit bekommen, weiter zur Schule zu gehen und eventuell aus dem Teufelskreis der Armut auszusteigen.

Ich habe das Projekt immer wieder regelmäßig besucht und stehe auch in regem Mail-Austausch mit Elsa (darüber schreibe ich in einem gesonderten Blog).

Tja. Und nach all diesen erfolgreichen Jahren ist nun seit Anfang diesen Jahres der Wurm drin. Denn Bürgermeisterin Selmira konnte sich nach zwei Amtsperioden nicht mehr zur Wahl stellen. Und so wurde Ende November 2008 der Kandidat der gegnerischen Partei gewählt, seit Januar 2009 hat er das Amt inne. Elsa hatte schon im Vorfeld berichtet, dass sie große Angst um die Projekte hätte, sollte er gewinnen.

Wenn man so will, kam es dann sogar noch schlimmer als befürchtet. Ivan Scherdien, so heisst der neue Bürgermeister, machte eine Art Machtkampf aus den Projekten. Die Entscheidungen gingen nun gegen Elsa, nicht mit ihr. Vielleicht war es auch einfach nur Unwissenheit und Unerfahrenheit.

Wie auch immer: Er entließ sämtliche Mitarbeiter der Projekte (außer Elsa, das ging nicht, weil ihr Vertrag an die Projekte geknüpft ist, die er nicht verlieren wollte), setzte inkompetente Menschen ein, denen er wohl einen Gefallen schuldete (diese Wahrnehmung mag nur eine Boshaftigkeit von mir sein, aber...). Durch den Druck des Vereins konnte Elsa dann zumindest durchsetzen, dass zumindest zwei oder drei ihrer erfahrensten Kräfte weiter arbeiten konnten. Immerhin.

Manche der Projekte liegen seit der Amtsübernahme durch Ivan Scherdien auch brach, so wie die überaus erfolgreiche Schreinerei, ein Projekt für arbeitslose Jugendliche und körperlich und psychisch behinderte Menschen.

Kürzlich schleppt Elsa mehrere 10kg Säcke Reis alleine, die für die Kinder gedacht waren. Der Bürgermeister hatte allen untersagt, ihr zu helfen - und hatte wohl gehofft, dass sie aufgibt. Das wird sie nicht, so wie ich sie kenne. Aber so kann es ja nicht weiter gehen.

Ich bin fassungslos und schockiert, dass ein Mensch, der doch die Armut um sich herum sehen muss, seine Macht so destruktiv mißbaucht. Davon abgesehen kann man sich auch wundern, dass er von genau den Menschen gewählt wurde, denen er jetzt schadet, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Und wie um zu beweisen, dass ein Unglück selten allein kommt, kam dann Anfang des Jahres noch eine Naturkatastrophe dazu: Eine Überschwemmung zerstörte in wenigen Minuten viele der Hütten und das Eigentum von vielen der Bewohner von Turucu. Gerade in dieser Zeit wären funktionierende Projekte doppelt wichtig gewesen, aber so war es eben nicht.

Was in 10 Jahren aufgebaut wurde, konnte trotz allem glücklicherweise noch nicht wirklich zerstört werden, aber es geht in diese Richtung. Ich habe dem Verein geraten, keine Spenden nach Turucu zu senden, bis klar ist, was dort eigentlich los ist und vor allem, wei es dort weiter gehen kann.

Das ist der Grund für meine Reise: Ich muss und will alles mit eigenen Augen sehen, mit den Menschen sprechen und vor allem, mich mit mit Elsa zusammen setzen und beraten, welche Möglichkeiten es gibt. Vielleicht finden wir einen Weg, den Kindern und Jugendlichen der Region weiter zu helfen, die unabhängig von einer Stadt (mit regelmäßig wechselnden Bürgermeistern...) ist.

Denn die Macht von Einzelnen ist enorm, das hat mir die Erfahrung dieser Jahre gezeigt: Einzelne können unglaublich viel im Guten, aber auch im Negativen bewirken. Und wenn ich ein bißchen etwas dazu beitragen kann, dass die Wagschale wieder zum Guten kippt, dann will ich das auf jeden Fall versuchen.